Váša Příhoda

Geburtshaus in Vodnany
Geburtshaus in Vodnany
Eltern mit Váša und Ruzenka
Váša
Váša

Vater Alois Příhoda leitete in Prag im Stadtteil Nusle eine Musikschule.

Vaclav Pecha, ein ehemaliger Schüler von Alois Příhoda erinnerte sich als alter Herr:

"In der Schule wurde das Violin- und Klavierspiel gelehrt. Da es mehr als genug Schüler waren, mussten außer Herrn Direktor Alois Příhoda noch andere Lehrer eingestellt werden. Seine Tochter Ruzenka (= Rosa) - die Schwester von Váša Příhoda - half beim Klavierunterricht und Herr Klan beim Violinunterricht aus. Sie sagten zu ihm „Herr Professor“ - vielleicht war es der erste Gatte von Ruzenka. Manchmal vertrat ihn ein Aushilfslehrer, ein älterer Mann mit Bart. - Alois Příhoda stammte als jüngster Sohn einer ärmlichen Schneider-Familie aus dem Prager Stadtviertel Pankrac. In seiner Jugend verdient er das Geld für seinen Lebensunterhalt durch Spielen in einigen Kapellen, besonders in der Kapelle Josef Matej Kubelíks - Vaters des zukünftigen berühmten Geigers Jan Kubelík, dessen Bekanntschaft er auch dort machte. Für sein gespartes Geld nahm Alois Příhoda privaten Unterricht bei Ševčík und Zden?k Fibich, damit er sein Staatsexamen für Violine und Musik ablegen konnte. 1896 eröffnete er im Stadtviertel Pankrac eine neue Musikschule. Nach einigen Umzügen setzte er sich 1919 endgültig in der Otakarstraße in Nusle nieder. Er starb 1937.
Die „Erste tschechoslowakische Musikschule des Herrn Direktor Alois Příhoda in Nusle“ - wie diese Schule offiziell genannt wurde - dehnte sich im ganzen oberen Stockwerk aus. Es wurde einesteils im großen Salon mit Klavier- oder Harmoniumbegleitung geübt oder in den angrenzenden Zimmern. Im Salon erregte ein großes Aquarium mit einer Fontäne und verschiedenen Effekten meine Aufmerksamkeit, denn das war zu dieser Zeit noch sehr ungewöhnlich."
(weitere Details im Booklet zu POL-1006-2).

Für Váša Příhoda (*22. August 1900 in Vodnany) gehörte Musik von allem Anfang so selbstverständlich zu seiner Umwelt wie für andere Kinder der elterliche Bauernhof mit Kühen, Schweinen, Hühnern und Feldern oder die Metzgerei, Schmiede, Schneiderei usw. Musik war einfach da. Sie bestimmte die Entwicklung seines Denkens und Fühlens in ganz entscheidendem Maße mit.

Mit drei Jahren spielte er zum ersten Male ein Lied auf einer Blechfiedel. Der Vater jedoch überließ ihn noch bis zu seinem fünften Lebensjahre sich selbst. Bis dahin entwickelte sich sein Verhältnis zur Geige als Ausdrucksmittel so selbstverständlich weiter wie seine Muttersprache. Auf ihr wusste er schon früh seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. In späten Jahren erinnerte er sich, dass er als Kind langsame Sätze aus Mozarts Violinkonzerten oft nicht zu Ende spielen konnte, weil ihn diese Musik durch sein eigens Musizieren zum Weinen brachte.

Alois Příhoda's Musikschule in Prag im Stadtteil Nusle

1910: fast 10 Jahre bei Professor Jan Mařák

Jan Mařák
Váša Příhoda 1916

Nach einigen Jahren Unterricht bei seinem Vater kam Váša Příhoda 1910 zu Professor Jan Mařák nach Prag. Zur Vorstellung spielte er Sarasates Zigeunerweisen und Mendelssohns e-moll-Konzert. Am 30. September 1912 absolvierte er mit Mozarts D-dur-Konzert, Vieuxtemps Ballade et Polonaise, Sarasates Romanza andaluza, Smetanas ‘Aus der Heimat‘, sowie Stücken von Dvořák und Fibich seinen ersten öffentlichen Auftritt. Nach einer Reihe weiterer Konzerte spielte er am 12. Dezember 1913 zum ersten Male im Mozarteum zu Prag. Auf dem Programm stand u.a. Beethovens ‘Frühlings-Sonate‘ und Tartinis ‘Teufelstriller-Sonate‘.

Während des Ersten Weltkrieges konnte er durch gelegentliche Konzerte zum Unterhalt der Familie beitragen. So trat er 1915 dreimal im Prager Smetana-Saal, davon zweimal mit Paganinis D-dur-Konzert.

Nach dem Krieg versuchte er sich als konzertierender Künstler, ohne dass sich ein nennenswerter materieller Erfolg einstellte. Nach einer Tournee durch die Schweiz nahm ihn sein Impresario Richter - zusammen mit der Pianistin Asta Doubravska - mit nach Mailand. Als Unbekannter in einem nach dem Ersten Weltkrieg verarmten Land wartete er vergebens auf Erfolg. Ein Abstecher nach Jugoslawien brachte genau so wenig Fortschritte. Ein selbst finanziertes Konzert in Triest brachte zwar gute Kritiken, aber kein Honorar. Nach Mailand zurückgekehrt, spitzte sich seine finanzielle Lage gegen Jahresende dramatisch zu.

"Wende": 27. Dezember 1919 “Café-Ristorante GRANDE ITALIA“

Mailand: Café
Grande Italia
lag hinten links
Asta Doubravska

Nach Příhodas Zeugnis weilte an diesem Dezemberabend 1919 auch Arturo Toscanini unter den Gästen im “Café-Ristorante GRANDE ITALIA“ in Mailand.

Sein Urteil “Paganini konnte nicht besser spielen“ machte die Runde. Příhodas italienischer Manager Frattini konnte für die nächsten 5 Monate 84 Konzerte in Italien beschaffen.

AMERIKA!!

Am 12. Juni 1920 reiste Váša Příhoda von Genua aus nach Südamerika. In dieser Zeit war Asta Doubravska seine Klavierpartnerin.

Nach Konzerten in Buenos Aires und Sao Paolo wagte er den Sprung in die USA. Seine Konzerte in der Carnegie Hall, Chicago, Detroit, Cleveland und andren großen Städten brachten ihm endlich den ersehnten Erfolg. N. Franko: “ Váša Příhoda ist der beste Spieler, den ich je gehört habe.“ Wilson Smith: “Intuitive Genialität, besser als Heifetz.“

Wunderwaffe gegen Heifetz: “Nel cor piu non mi sento“

Als Příhoda Gelegenheit hatte, Heifetz zu hören, wurde ihm bewusst, was ihm noch bevorstand. Nach seiner Rückkehr mietete er sich in St. Wolfgang am Wolfgangsee ein Zimmer und begann wie ein Besessener zu üben. Seine damals entstandene Bearbeitung der Paganinischen “Nel cor piu non mi sento“ - Variationen muss ihm dabei zum fetischhaften Garanten für ein funktionierendes Spiel geworden sein. Jedenfalls begleiteten ihn diese Variationen als fester Repertoire-Bestandteil bis an sein Lebensende.

Refugium in Záryby

Von den Strapazen seines regen Reiselebens versuchte er sich hin und wieder auf seinem eigenen Anwesen (man muss schon sagen: Landgut) zu erholen, das er sich auf Anraten seines Vaters in Záryby in der Nähe von Prag erworben hatte.

Alma Rosé - La vida brève

Mitte der Zwanziger Jahre lernte Příhoda in Wien Arnold Rosé kennen. 1930 heiratete er dessen Tochter Alma Rosé. Die Ehe wurde 1935 geschieden.

Mehr als notwendige Randbemerkung: Von 1937 bis 1943 war Váša Příhoda wiederum mit einer jüdischen Frau verheiratet. Man mag heute spekulieren, ob Váša Příhodas  Verhalten Zivilcourage oder politischer Naivität entsprang — ich selbst tendiere aufgrund privater Schilderungen zur ersteren.

Alma Rosé wurde 1943 — also 8 Jahre nach der Scheidung von Příhoda - von den Deutschen in Frankreich gefangen genommen und nach Auschwitz deportiert, wo sie bis zu ihrem Tod am 4.4.1944 das dortige Mädchenorchester leitete.

Váša Příhoda erfuhr erst nach Kriegsende von Almas Schicksal. Diese Hintergründe zu erwähnen erscheint mir angebracht, da bis zum heutigen Tage für die Trennung zwischen Váša Příhoda und Alma Rosé noch immer opportunistische Gründe angeführt werden, die jeder Grundlage entbehren.

Gleichzeitig darf ich auf POL-1007-2 hinweisen, die die einzige existierende Aufnahme mit Alma Rosé (Bach: Violin-Doppelkonzert mit Vater Arnold Rosé) enthält.

In dem 48-seitigem Textheft wird das Thema Alma Rosé ausführlich behandelt wird.

2. Weltkrieg

Um die Jahreswende 1935/36 wirkte Váša Příhoda — neben Isa Miranda, Attila Hörbiger und Gustav Dießl – bei dem österreichisch - italienischen Gemeinschaftsfilm “Die weiße Frau des Maharadscha“ (italienischer Titel: “La donna tra i due mondi“) mit, worin er einige Schmonzetten, aber auch einen Auschnitte aus Paganinis Sonatine op. 3 Nr. 6 und dem Sextett aus Donizetti/St. Lubeins “Lucia di Lammermoor” spielt. Regisseure waren Rabenalt für die deutsche Fassung, Alessandrini für die italienische Fassung. Die deutsche Fassung lagert - Ton- und Bildspur getrennt - im Bundesarchiv in Berlin. Von einem “Moviestar”, wie ihn Richard Newman (wegen seines Wirkens im “DrittenReich”) bezeichnet, kann dabei keine Rede sein.

Der Zweite Weltkrieg schränkte Příhodas Konzerttätigkeit drastisch ein. Doch gab ihm dies Gelegenheit, seine Lehrtätigkeit zu intensivieren. Jürgen Hinrich Hewers, ehemaliger Konzertmeister beim Gewandhausorchester Leipzig und beim Berliner Sinfonieorchester, daneben Dozent an der Musikhochschule “Felix Mendelssohn-Bartholdy“ Leipzig, gab mir dankenswerterweise eine Schilderung aus jener Zeit: “Wer Váša Příhoda nur vom Konzertpodium her kannte, wusste einfach zuwenig von diesem Außenseiter unter den hervorragendsten Geigern seiner Zeit. 1943 konnte ich durch die Hilfe von Otto A. Graef noch in letzter Minute auf die Teilnehmerliste des Příhoda -Sommerkursus am Mozarteum gesetzt werden. Ich traf dort einen Musiker, der sich zwar seines Wertes voll bewusst war, der aber andererseits auch deutlich seine Grenzen kannte. Es ist müßig darüber zu reden, was wir alle geigentechnisch von ihm lernen konnten. Musikalisch war er jedoch ein Einzelgänger, der in seiner überzeugenden Interpretation kaum vergleichbar schien. Wenn er einem musikalische Ratschläge erteilte, dann wäre es verhängnisvoll gewesen, ihn zu kopieren. Es genügte ihm aber auch, wenn man seine Vorschläge modifiziert zu Anwendung brachte. Dafür gab es manchmal sogar ein Extralob. Váša Příhoda nahm uns Kursteilnehmern durch sein verständnisvolles Verhalten jede anfängliche Befangenheit. Auch außerhalb der fachlichen Arbeit hatten wir die Möglichkeit, mit ihm zusammenzutreffen. So fanden wir uns abends zur Bierrunde im Sternbräu ein oder wanderten am Sonntag gemeinsam auf den Gaisberg. Wer andere Prominente kennt, weiß, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Wie er auf uns einging und wie er sich mit uns befasste, konnte ich neun Jahre später in Leipzig erfahren. Dort suchte ich ihn nach einem Konzert auf und hatte mich darauf vorbereitet, auf Salzburg 1943 hinzuweisen. Als ich jedoch das Künstlerzimmer betrat, kam er in gewohnter Herzlichkeit auf mich zu und sprach mich mit meinem Namen an. Als Pädagoge war er sicher auch ein Sonderfall. Er engte in keiner Weise ein. Wenn es gut war, durfte es auch anders sein, als er es sich ursprünglich vorgestellt hatte. Außerdem war es ihm ein besonderes Anliegen, befähigte Schüler auch zu fördern. - Der konzertierende Musiker wird leider meist schnell vergessen. Diejenigen aber, die Váša Příhoda näher gekannt haben, konnten für ihr weiteres Leben bleibende Anregungen und Eindrücke mitnehmen, die sie sicher erst bei ihrem späteren eigenen Wirken im vollen Umfang schätzen lernten. Flensburg, 15.7.1995“

1944 gab er noch Konzerte in München, Nürnberg, Dresden und Leipzig.

Sein letztes heimatliches “Kriegs-Konzert“ fand am 31. März 1944 im Smetana-Saal des Repräsentationshauses statt. 

Nach dem "heissen Krieg": "Kalter Krieg" ...

Das Kriegsende bedeutete jedoch keine Verbesserung seiner Lage. Das Zentralkomitee der Stadt Prag nahm verurteilte ihn wegen seines Auftretens in Deutschland zunächst zu einer Geldstrafe und belegte ihn später für die Tschechei mit Auftrittsverbot.

Die Wiener Presse erreichte durch gezielte diffamierende Kampagnen, in denen sie ihm die Schuld am Tod seiner ersten Frau gaben, dass Příhoda zunächst keine Engagements mehr erhielt und bereits vereinbarte Konzerte abgesagt wurden. Noch 1946 wurde Příhoda in der Tschechei und in Osterreich voll rehabilitiert.

Nach Konzerten in der Slowakei und in Paris emigrierte Příhoda am 27.10.1946 ins italienische Rapallo. Mit Konzerten in Alexandria, Ankara, Istanbul und in Italien konnte er an die früheren Erfolge anknüpfen. Die italienischen Behörden jedoch bereiteten ihm in Zusammenhang mit den erforderlichen Passverlängerungen zunehmend Schwierigkeiten.

Váša Příhoda wird Türke

Diese Querelen hatte er bald so satt, dass er im Oktober 1948 die türkische Staatsbürgerschaft annahm.

Während dieser Periode stellten sich die Herzbeschwerden ein, die ihn später noch sehr beeinträchtigen sollten. Im Januar 1949 konzertierte er wieder in den USA, danach in der Schweiz, Deutschland und Österreich. 1950 nahm er eine Professur in Wien an. Privat wohnte und lehrte er in St. Gilgen am Wolfgangsee, das er von seinem früheren Aufenthalt in dieser Gegend in angenehmer Erinnerung hatte.

Zu den ersten Nachkriegs-Konzerten in der DDR gehört eine Tournee im Mai 1954 zusammen mit dem Pianisten Wilhelm Gonnermann.

Bild: Příhoda und Gonnermann  am 19. Mai 1954 beim Leipziger Konzert

Im Juli 1954 schien sich eine Katastrophe anzubahnen: Příhoda brach sich in Salzburg bei einem Unfall den rechten Oberarm. Der komplizierte Bruch erforderte langwierige und folgenschwere stationäre Behandlung. Die psychischen und physischen Belastungen und sein wieder akut werdendes Herzleiden hinterließen nie mehr ganz behebbare Schäden. Příhoda konnte zwar bereits im Januar 1955 wieder konzertieren, aber seine angeschlagene Gesamtverfassung zwang ihn zur Einschränkung seiner Tätigkeiten. Er übersiedelte nach Wien, um das dauernde Pendeln zwischen Wohnort der Musikhochschule zu vermeiden.

Mit einer legendär gewordenen Aufführung des Violinkonzertes von Dvořák am 30. Mai 1956 in der Prager Smetana-Halle kehrte er im Rahmen des Musik-Festivals “Prager Frühling 56“ – nach zwölfjähriger Abwesenheit - noch einmal an die Quellen seines Musikertums zurück. Er wurde mit einer der größten Ovationen empfangen, die dieser Saal in seiner Geschichte zu verzeichnen hatte. Nicht eingelassene Musikfreunde kletterten an den Fassaden hoch und stellten sich in die Fensteröffnungen. Zusammen mit dem stehenden Orchester hießen ihn die Besucher im völlig überfüllten Saal durch einen viertelstündigen Applaus willkommen. Váša Příhoda beendete den Beifallssturm mit kurzem Dank, damit das Konzert überhaupt beginnen konnte. Nicht weniger bejubelt wurden zwei weitere Rezitale am 5. und 7. Juni im “Hause der Künstler“.
Dieses Prager Konzert war einer der letzten Höhepunkte in seinem Leben. 1958 nahm er in Italien noch einige Schallplatten auf, darunter die unvermeidlichen “Nel cor piu nun mi sento“-Variationen von Paganini. Im April 1960 gab er die letzten Konzerte. Am 27. Juli 1960 erlag er, kurz vor dem 60. Geburtstag, seinem Herzleiden. Die Geigerwelt hatte einen ihrer maßgeblichsten Vertreter und darüber hinaus einen der herzlichsten Menschen verloren.

Zu seinen noch heute gültigen Leistungen gehören vor allem das Violinkonzert, die ‘Romantischen Stücke‘ und G-Dur-Sonatine von Dvořák, Smetanas ‘Aus der Heimat‘, Tschaikowskys Violinkonzert, Tartinis Teufelstriller-Sonate mit einer unglaublich gespielten eigenen Kadenz, Bachs Chaconne, seine eigene Bearbeitung des Rosénkavalier-Walzers von Richard Strauss, Paganinis ‘Nel cor piu nun mi sento-Variationen, sowie eine ganze Reihe unnachahmlich vollkommen gespielter Stücke der “Kleinkunst“, die er damit aus dem Bereich des blendenden Geklingels auf die Seite ungetrübter Freude herüberhob. Musikfreunde, und unter ihnen vor allem die Geiger, erinnern sich auch noch nach einem halben Jahrhundert mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Wehmut an seine Darstellungen der Konzerte und Sonaten von Paganini, Veracini, Beethoven, Brahms, Sibelius, Franck, Schumann. Dankbarkeit - weil sie durch Váša Příhoda unvergeßbare Eindrücke empfingen. Wehmut: weil wesentliche Teile von Příhodas Repertoire nicht auf Tonträger festgehalten wurden.